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Systemische Praxis: Sei unglücklich!
Ein systemischer Selbstversuch

von Renate Kirmse - Wenn der systemische Berater in sein Köfferchen greift, um hilfreiche Methoden zur Lösung eines von einem Klienten als schwerwiegend empfundenen Problems zu finden, wird er darin, unter manch anderem, auch die sogenannte „paradoxe Intervention“ finden. Abhängig von der Situation, den persönlichen Vorlieben des Beraters, seinem Einfühlungsvermögen, und vielleicht auch seiner Intuition wird er diese, unter Umständen für den Klienten verblüffenste Interventionsform wählen, welche die systemische Beratung zu bieten hat.

Wer bei einem Berater oder Therapeuten Hilfe sucht, wird vermutlich erwarten, dass er die Dinge nun neu und anders angehen soll, dass er – befangen von der Verstrickung in die eigenen Schwierigkeiten – vielleicht nicht alle möglichen Wege versucht habe.

Es mag sein, dass eine längere Suche nach der vermeintlich besseren, noch unbekannten Strategie zur Problemlösung mit der Unterstützung eines Beraters hilfreich sein kann, mit vergleichbarer Wahrscheinlichkeit könnte es aber auch sein, dass die Lösung schon da ist, quasi unbeobachtet im Raum steht, und eine weitere Suche in allen noch möglichen Ecken das Finden eher verhindert, als es zu ermöglichen.

Was wird ein systemisch denkender Mensch – oder einer, der sich als systemisch denkend bezeichnet  –  im Falle des Falles denn als hilfreich für sich selbst wählen, wenn er gebeutelt wird von dem Schmerz, der das Ende einer Liebesbeziehung, finanzielle Probleme, familiäre Auseinandersetzungen oder ganz einfach die alltägliche Einsamkeit hervorrufen kann? Die Wirklichkeit – oder unsere Wahrnehmung derselben – hält viele solcher kleinen oder großen Katastrophen auch für den Systemiker bereit.

Analytiker würden vielleicht die Vergangenheit beleuchten, alle Winkel der Seele nach den wirklichen Ursachen durchsuchen. Heilpraktiker fänden sicher die passenden Globuli, welche die seelischen Schmerzen lindern könnten. Ärzte würden eventuell Antidepressiva wählen, Bioenergetiker die Manifestation des Schmerzes im Körper zu lösen versuchen. All diese Methoden mögen manches Mal funktionieren, in einigen Fällen wäre die Lösung jedoch gekoppelt an die Dauer der Behandlung, in anderen würde vielleicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen, und die Kolalateralschäden wären nicht unerheblich, denn nicht nur Psychopharmaka können abhängig machen. In jedem dieser Fälle wird allerdings nach der einen Lösung für das Problem gesucht, eine Ursache mit einer Wirkung verknüpft. Und so manches Mal dabei vergessen, dass mit diesen Methoden Störungen behandelt werden, die, – abhängig vom Standpunkt des Therapeuten – im Körper, in frühkindlichen Erfahrungen, oder in chemischen Prozessen im Gehirn ihre Ursache haben sollen, ohne dass mit diesem Wissen bereits eine Lösung des Problems gefunden worden wäre. Auch wenn ich weiß, dass bestimmte Ereignisse in meiner Kindheit mein heutiges Selbstwertgefühl beieinträchtigen, wird dieses dennoch nicht alleine aufgrund des Wissens darüber wachsen.

Systemiker würden sich nicht für ein solch monokausales Ursache-Wirkungs-Denken entscheiden. Wenn der systemische Gedanke gilt, dass alles alles beeinflusst, ist jede Ursache auch Wirkung, jede Wirkung Ursache. Jede Ver-Störung, jeder deprimiert verbrachte Tag ist damit nicht nur die Wirkung eines unangenehmen Ereignisses, sondern vielleicht auch Teil der Ursache selbst. Vielleicht können wir weder das eine, noch das andere zunächst direkt beeinflussen, jedoch unsere Sicht darauf verändern, und damit dann doch das gesamte Konstrukt?

Was Klienten helfen soll, kann auch für (angehende) Berater selbst nicht schädlich sein, so dachte die Probandin, und wählte einen besonders schwarzen Abend für den Selbstversuch. Sie schrieb eine Art Drehbuch für den Ablauf des Experiments: äußerst detailgetreu sollte alles so sein, wie es immer war, an diesen unglücklichen Tagen, die sie so gut kannte in der letzten Zeit. So schickte sie alle Lieben und weniger Lieben aus der Wohnung, sagte alle tatsächlichen oder auch nur potentiell möglichen Verabredungen ab. Das Telefon musste in jedem Falle abgeschaltet, der Fernseher stumm bleiben. (Obwohl, das heutige Fernsehprogramm könnte durchaus im Sinne der Intervention wirken...). Geschlossene Rollläden und getragene Musik trugen noch zu einer Verstärkung der Wirkung bei. Ganz wichtig: Die Probandin nahm sich vor, sich sehr traurig und einsam zu fühlen, mit zitternden Händen und weinend auf der Couch zu liegen. Essen und Trinken wollte sie – wie immer in diesen Fällen – auf ein Minimum reduzieren. Der Kopf sollte zwischen die Schultern gezogen werden. Sie wollte (und für den Notfall war das auf einem Zettel notiert) ständig und ohne Unterbrechung denken: „Das ist eine Katastrophe! Das tut sehr weh!“

Denken, Fühlen, Körperreaktionen, Verhalten. All diese, aus früheren düsteren Tagen bekannten und wohlvertrauten Reaktionen auf ein als verletzend empfundenes Ereignis wurden in einer Art Drehbuch festgehalten und der Abend genau nach diesem Drehbuch gestaltet.

Dieser Selbstversuch, der in der Realität in einer mehr als unglücklichen persönlichen Lage, und somit unter realistischen Bedingungen begonnen wurde, zeigte schnell: Die Sei-Spontan-Paradoxie kann tatsächlich auch in der Form einer Sei-Unglücklich-Paradoxie funktionieren. Das Ergebnis: Für die Probandin war selten ein Abend so heiter und entspannt wie dieser. Plötzlich und unerwartet, wie aus dem Nichts, tauchten Ideen auf, was sie schon immer tun wollte, wozu sich im gewohnten „glücklichen“ Alltag jedoch nie Zeit gefunden hatte. Die eigenen Gedanken fanden Niederschlag in einem langen Brief, Bücher wurden hervorgekramt, Photos betrachtet, ein leckeres Abendessen zu kochen war ob des großen Hungers unerlässlich. Schließlich zeigte sich die Nacht am Ende zu kurz, um noch alle weiteren Ideen verwirklichen zu können. Nur der Fernseher blieb tatsächlich stumm.

Was als anscheinend – oder scheinbar – richtiger Unglücks-Tag begonnen hatte, endete satt, zufrieden und sehr entspannt. Wer sich verbietet, zu essen, bekommt ganz schnell Hunger (wer sich je an einer Diät versucht hat, kennt diesen Effekt), wer sich selbst ganz bewusst und geplant zum Weinen bringen möchte, hat gute Chancen bald über sich selbst zu lächeln. Auch Unglück ist eben sehr relativ und abhängig vom Standpunkt des Beobachters. Es zeigte sich schnell, dass ein ausreichendes Maß an Selbstbeobachtung das eigene psychische System genügend irritieren kann, um es zu einer Neuorientierung und damit zu einer Erweiterung der eigenen Möglichkeiten anzuregen.

Was zuvor als Handlungs-Muster in unglücklichen Stunden scheinbar unwillkürlich mit der Probandin geschah, wurde durch die bewusste Inszenierung unmöglich zu wiederholen. Die Veränderung begründete sich also nicht in einem veränderten Tun – alles sollte eigentlich so ablaufen wie immer – sondern in der (Selbst-)Beobachtung des gewohnten Tuns, exemplarisch und detailgetreu. Offensichtlich sinkt die statistische Wahrscheinlichkeit dadurch erheblich, nochmals aufgrund derselben Situation gleich heftig zu leiden. Die Tatsachen bleiben möglicherweise bestehen: Der geliebte Mensch kommt nicht zurück, es gibt keine wundersame Vermehrung der Geldmittel auf dem Girokonto, es tauchen wahrscheinlich unmittelbar keine Menschen auf, welche die empfundene Einsamkeit lindern könnten. Allerdings: die Sicht auf das eigene Leid kann eine andere werden. „Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen.“(*).  Und diese neue Sichtweise, die aus der Meta-Ebene, aus der Ebene der Selbstbeobachtung heraus entstehen kann, wird dann vielleicht sogar den Panzer des Gefühls der eigenen Hilflosigkeit genügend stark aufbrechen, um selbst wieder neue Ideen, hilfreichere Haltungen und nützlichere Möglichkeiten (er-)finden zu können, um die eigenen Probleme zu lösen. Vom Opfer (der Umstände / der Anderen / des Schicksals ...) kann man so wieder zum „Täter“ im besten Sinn des Wortes werden: Zu einem handlungsfähigen Menschen.

Die Autorin erhebt hier ausdrücklich keinen wissenschaftlichen Anspruch, eine Wiederholung des Versuches unter vergleichbaren Bedingungen war bisher nicht möglich – weil nicht nötig. Anzumerken bleibt außerdem: Es wird empfohlen, erste Versuche mit dieser Technik aus dem systemischen Methodenkoffer bei den kleineren und „alltäglicheren“ Unglücken zu beginnen, um die Verträglichkeit mit der eigenen Konstitution zu überprüfen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie im Übrigen Ihren Arzt oder Systemiker.

Renate Kirmse

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*Epiktet (*ca. 50 n.Chr.) / Handbüchlein der Ethik


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